Branche

Junger Mann zum Mitreisen gesucht

Früher war oft eine Tafel an Zirkuszelten und Jahrmarktkarussells zu lesen: „Junger Mann zum Mitreisen gesucht.“ Da war das Anforderungsprofil klar und überschaubar. In der Industrie hieß das „Helfer gesucht“. Ganze Branchen hielten sich so mit Hilfspersonal Jahrzehnte über Wasser.

Wachsende Anforderungen in den Tätigkeiten und eine schrumpfende Basis an Arbeitskräften haben sich – lange absehbar – zur Herausforderung aufgebaut, in Teilen der Industrie inzwischen sogar zum Problem. Und das nicht nur gefühlt, sondern dokumentiert: Der „KI Dialog“ unter den Abonnenten von „KI – Kunststoff Information“ fragt regelmäßig in der Kunststoffindustrie nach den größten Herausforderungen des letzten Jahres und nach denen der kommenden Monate.

Jahrelang dominierten die „Klassiker“ unter den Herausforderungen: Materialkosten, Verkaufspreise, Lieferfähigkeit der Vorlieferanten, Arbeitskosten, Energiekosten. Doch in der aktuellen Befragung vom Jahresbeginn 2017 taucht das Thema „Personalsuche“ in allen Branchenzweigen auf Rang 3 auf, im Kunststoffmaschinenbau sogar auf Rang 2: Mehr als Dreiviertel der Kunststoffmaschinenbauer beklagen große Schwierigkeiten bei der Personalsuche.

Zwar waren 2016 auch für die Verarbeiter die Verkaufspreise das brennende Thema, es folgen aber gleichauf die Fragen der Personalsuche, der Materialkosten sowie der Lohn- und Gehaltskosten. Entlastung beim Thema Personalsuche ist nicht in Sicht: Der Beschäftigungsaufbau in der Branche setzt sich seit dem Jahr 2009 kontinuierlich fort. In den nächsten sechs Monaten will ein Drittel der Unternehmen zusätzliches Personal einstellen. Weiter aufstocken wollen im nächsten halben Jahr vor allem die Unternehmen, die schon zuletzt mehr Personal brauchten.

In strukturschwächeren, ländlich geprägten und wirtschaftlich etwas abgelegenen Regionen kämpfen selbst wachsende Kunststoffverarbeiter in der dünn gesäten Jugend um Nachwuchs, während Verarbeiter in industriellen Hotspots inmitten der übermächtigen Konkurrenz starker Marken um Wahrnehmung ringen.

Junger Mann zum Mitreisen gesucht: Die Zeiten sind für immer vorbei. Umso wichtiger ist es, das Image des Kunststoffs zu heben und die mediale Wahrnehmung des Werkstoffs zu verbessern. „Das Ansehen der Branche und ihre Attraktivität müssen erhalten bleiben“, analysierte GKV-Ehrenpräsident Günter Schwank vor wenigen Tagen in einem Telefonat und forderte erneut „sichtbare Aktivitäten der Branche“ gegen die Vermüllung der Meere und den Eintrag von Mikroplastik: “Die Kunststoffindustrie und ihre Verantwortlichen müsssen sich mit Kritik ehrlich befassen, mit den Herausforderungen seriös auseinandersetzen, die Angstmacherei sachlich widerlegen und dort aktiv werden, wo wir als Branche zu Lösungen beitragen können.”

“Es tut mir weh, dass Mitarbeiter unserer Branche solche Anfeindungen in der Zeitung lesen müssen”, klagte Schwank und fragte: “Wie wirkt das auf junge Leute, die sich vielleicht für einen Beruf in der Kunststoffindustrie interessieren?” So schwierig es sei, die Kunststoffverarbeitung im Wettbewerb der gewerblich-handwerklichen Berufsbilder erfolgreich zu positionieren, so wichtig sei es, das Image des Werkstoffs und seiner Industrie aktiv von Störfeuer zu befreien.

Gepostet am 14.02.2017 um 07:56.
Markus Lüling
Markus Lüling (Chefredakteur K-PROFI)
berichtet exklusiv für K-AKTUELL.

2 Gedanken zu „Junger Mann zum Mitreisen gesucht

  1. Sabine Ament

    Hallo Markus,
    mit diesem Artikel sprichst Du mir aus der Seele. Es ist mir schon passiert, dass ich in einem Café gefragt wurde: Was, Du arbeitest für die Kunststoffindustrie? Dann denken immer alle an Müll im Meer oder All, an Plastiktüten und an Weichmacher im Schnuller, aber keiner an einen Stent.
    Liebe Grüße aus HG
    Sabine

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  2. Karl König

    Hallo Herr Lüling,
    ich bin seit 1967 – bis heute – also 50 Jahre der Kunststofftechnik verbunden – man könnte auch sagen verfallen. Es muss viel mehr in Schulen Aufklärung usw. stattfinden. Zudem ist es unerträglich, dass junge lernwillige Flüchtlinge jahrelang nicht arbeiten bzw. ausgebildet werden dürfen – bzw. nach der Ausbildung abgeschoben werden.
    Anmerkung: Wir waren 8 Kinder in unserer Familie – heute sind es 1 bis 2, vielleicht auch mal 3 Kinder, also fehlen nach Adam Riese mindestens 50 % der Kinder. Ich weiß nicht, wann das die Politiker usw. mal kapieren. Gestern habe ich im Radio gehört, dass 3,8 Millionen junge Leute aus sozial schwachen Familien schlechte Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben. Warum tut man hier nichts? 1971 hatten wir bereits Umschulungsmaßnahmen in vielen Betrieben – mit meiner Meinung nach gutem Erfolg. Viele meiner ehemaligen Kollegen kamen so zu einem Beruf und waren gefragte Mitarbeiter.
    Viele junge Leute sitzen arbeitslos in Südeuropa. Stattdessen fliegen wir die Arbeit nach China aus. Ich war selbst 40 Jahre in Europa unterwegs, in Firmen in Ungarn usw. Europa kann nur gelingen, wenn wir unsere eigenen Leute am Wohlstand teilhaben lassen. Ich bin auch für einen freien Handel, auch mit China. Aber man schielt hier nur auf das schnelle Geld. Wie sich aber zeigt, war das vielleicht in den letzten 27 Jahren nicht immer ganz richtig.

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