Maschinenbau

Nicht vor Ort, aber allgegenwärtig

Die Bilanz ist super: Die deutschen Hersteller von Kunststoff- und Gummimaschinen sind nach der Krise 2008/2009 schnell auf höchste Geschäftsvolumina zurückgekehrt und eilen von Rekord zu Rekord. Auch 2016: Mit 7,43 Mrd. EUR Produktionswert bei den Verarbeitungsmaschinen (in der Statistik: „Kernmaschinenbau“) überboten sie das 2015er Ergebnis (7,01 Mrd. EUR) um satte 6 Prozent. Parallel kletterte der Export um gut 5 Prozent auf 4,92 (4,68) Mrd. EUR. Die Jahresparameter des Exportweltmeisters: 21,3 Prozent Weltmarktanteil mit 66,2 Prozent Exportquote und 22,8 Prozent Anteil am Weltexportvolumen. Beste Zahlen für die Branche also.

Trotzdem: Kein Jubel auf der VDMA-Jahrestagung Ende Juni in Wolfsburg. Stattdessen: Viele Diskussionen und ein kollektives Stöbern nach Trends, Chancen, Risiken und Gefahren. Was treibt Management und Gesellschafter im Maschinenbau um? Die Bundestagswahl, früher richtungsweisend, der Euro und marode italienische Banken, die Ausgestaltung des Brexit: Alles keine Themen. China, vor einigen Jahren kurzzeitig wichtigster Exportmarkt: Thema am Rande. Zumal sich das Reich der Mitte zunehmend erfolgreich selbst mit Kunststoffmaschinen versorgt, wie Haitian-Aufsichtsrat Prof. Helmar Franz berichtete. Vor der Krise 2008/2009 habe das Verhältnis von Selbstversorgung zu Import etwa 50/50 betragen, danach zunächst etwa 70/30 und heute rund 85/15. Immerhin: Die Kreislaufwirtschaft macht als mittelfristig sehr positives Entwicklungsthema auf sich aufmerksam.

Was also ist der Aufreger? Eine Frage, auf die Beobachter der Tagung nur eine Antwort fanden: Die USA und die Nafta-Region, auch 2016 mit 1,06 Mrd. EUR Liefervolumen die wichtigste Absatzregion für deutsche Kunststoffmaschinen. Denn die USA nahmen zuletzt für 774 Mio. EUR deutsches Equipment auf, Mexiko immerhin für 255 Mio. EUR.

Mit einem Plenarvortrag von Dr. David Deißner zur aktuellen politischen Situation in den USA hatte VDMA-Geschäftsführer Thorsten Kühmann das Thema nicht umsonst prominent auf die Agenda gesetzt. In der Diskussion mit dem Geschäftsführer des Atlantik-Brücke e.V. belegten Fragen aus allen Branchenzweigen die Verunsicherung der Maschinenbauer über die Trump-Administration. Von Obamacare über Steuerreformen, ein mögliches Impeachment-Verfahren und Importzölle bis zur Positionierung Washingtons im Nahen und Mittleren Osten reichte das Fragenspektrum. Sowohl die lebhafte Diskussion im Plenum als auch viele individuelle Gespräche belegten die Suche nach Orientierung. Die Währungspolitik, die Öffnung des Iran, das Verhältnis zu China: Auch in Wolfsburg war „Donald Trump … nicht vor Ort, aber allgegenwärtig“, wie die FAZ aktuell in anderem Zusammenhang schrieb. Und wie derzeit üblich, blieben viele Fragen im Ungefähren offen.

Die Branche weiß: Der US-Kernmaschinenbau hat eingangs der 2000er Jahre zuerst seine Exportfähigkeit eingebüßt und anschließend seinen Heimatmarkt gegen europäische, japanische, koreanische, taiwanesische und chinesische Importeure nicht wirklich verteidigen können. Alljährlich abbröckelnde Anteile an Weltproduktion und Welthandel sind kein Beleg für überzeugende Produktivität des US-Equipments oder mitreißende Innovationskraft seiner Hersteller.

Rigoroser Interventionismus seitens der US-Administration könnte die europäischen Importeure durchaus schwächen. Aber: Solche Eingriffe dürften der nordamerikanischen Kunststoffverarbeitung und den verbliebenen OEMs den Zugriff auf Hightech erschweren und dem US-Maschinenbau kaum nützen. Schließlich können die versammelten amerikanischen Maschinenbauer längst weder das volle Spektrum an Kernmaschinen noch die beste Technologie liefern. Ob uns die größte US-Kunststoffmesse NPE 2018 eines Besseren belehren wird? 23 Wochen Trump-Administration sind geschafft, bis zur Messe sind es doppelt so viele – nur noch.

Gepostet am 27.06.2017 um 23:58.
Markus Lüling
Markus Lüling (Chefredakteur K-PROFI)
berichtet exklusiv für K-AKTUELL.

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