Vor Ort

Georg Tinschert sieht beste Chancen für hochreines Rezyklat im Spritzgießen

Die EU-Kommission hat in ihrem Aktionsplan Kreislaufwirtschaft Kunststoffe als einen von fünf Schwerpunktbereichen definiert. Der Plan ist ein Bekenntnis zur Vorbereitung einer Strategie, die die Herausforderungen von Kunststoff über die gesamte Wertschöpfungskette und den gesamten Lebensweg hinweg angehen will. Die im VDMA-Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen organisierten Unternehmen gehen diesen Weg mit. Mit ihrem Bekenntnis zur Nachhaltigkeitsinitiative Blue Competence stehen sie für verantwortliches und vorausschauendes Denken und Handeln. Sie erarbeiten heute schon Konzepte, wie sie sich in die Kreislaufwirtschaft einbringen können.

Rund um die Fakuma befragte der Maschinenbauverband VDMA in einer Interviewserie Top-Manager aus Mitgliedsunternehmen zum Thema „Kreislaufwirtschaft“. In diesem Gespräch stellt sich Mag. Georg Tinschert, Geschäftsführer des Spritzgießmaschinenherstellers Wittmann-Battenfeld mit Hauptsitz in Wien/Österreich.

Werden Kunststoff-Rezyklate schon als Material in Spritzgießmaschinen eingesetzt?

Georg Tinschert: Das ist seit langem sehr verbreitet. Und das sollte man auch kommunizieren. Denn es ist ein Punkt, der hilft, das Image von Kunststoffen zu verbessern. Wir alle müssen stärker darauf hinweisen, dass Kunststoffe mehrfach verwendet werden können und auch tatsächlich verwendet werden. Eine drei-, vier oder auch fünfmalige Wiederverwertung ist heutzutage möglich. Wir haben Kunden, die setzen für ihre Anwendungen bis zu 100 Prozent Rezyklat ein. So werden beispielsweise Transportboxen für Gemüse teils aus bis zu 100 Prozent Rezyklat hergestellt.

Georg Tinschert, Geschäftsführer von Wittmann-Battenfeld (Foto: Wittmann-Battenfeld).

Gibt es besondere Anforderungen an Spritzgießmaschinen, die Rezyklate einsetzen?

Tinschert: Man muss genau betrachten, wie das Rezyklat beschaffen ist. Es können Fremdstoffe enthalten sein, die das Plastifiziersystem schädigen können, metallische Stoffe etwa, Glassplitter oder Verunreinigungen. Man muss einfach etwas mehr Vorsicht walten lassen. Wenn uns ein Kunde mitteilt, welches Rezyklat er verwenden wird, berücksichtigen wir das bei der Auslegung der Spritzeinheit. Es kann dann sein, dass wir höher verschleißbeständige Materialien im Bereich Zylinder und Schnecke verwenden. Wir können auch einen Filter vorschalten, der verhindert, dass Fremdkörper in die Maschine gelangen.

Filter und andere Anpassungen kosten aber Geld.

Tinschert: Das kann Geld kosten, wenn man tatsächlich annehmen muss, dass Schadstoffe im eingesetzten Material vorhanden sind. Wenn der Verarbeiter aber ein gut aufbereitetes Rezyklat mit einer sehr hohen Güte einsetzt, ist dieser Zusatzaufwand in der Spritzgießmaschine nicht nötig. Entsprechend fallen dafür auch keine Kosten an, dafür ist der Rezyklatpreis höher. Man muss ganz einfach sicherstellen, dass in die Spritzgießmaschine sauberes Rezyklat kommt.  Dieses Material hat dann ähnliche Verarbeitungseigenschaften wie frischer Kunststoff. Dasselbe gilt für die Verarbeitung von Angüssen. Viele Kunden haben Werkzeuge mit Angusssystemen. Dort entsteht bei jedem Zyklus eine gewisse Menge an Abfall, der aber direkt an der Maschine wieder gemahlen und danach kontinuierlich dem Spritzgießprozess zugeführt wird.

Haben Sie als Spritzgießmaschinenbauer Einfluss darauf, welches Material Ihre Kunden einsetzen?

Tinschert: Wir führen Beratungsgespräche und erfahren dabei, welche Materialien der Kunde auf der Maschine verarbeiten will. Zur optimalen Auslegung der Maschine sind wir dann mit unserer Erfahrung gefragt. Wird dem Kunden keine Vorgabe für das Material hinsichtlich Zugabemenge von Rezyklat gegeben, können wir zum Beispiel darauf hinweisen, dass man für gewisse Anwendung beziehungsweise bei gewissen Verfahrenstechnologien, wie etwa der Sandwichtechnologie statt 100 Prozent frischem Kunststoff durchaus auch einen gewissen Anteil an Rezyklat verwenden kann. Damit lassen sich die Materialkosten reduzieren, denn Kunststoff-Rezyklat ist günstiger als frischer Kunststoff.

Transportkisten aus Rezyklat für Zuchtchampignons (Foto: Wittmann-Battenfeld).

Haben die Kunden dafür ein offenes Ohr, oder steht die Sorge um die Produktionssicherheit im Vordergrund?

Tinschert: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Kunden für dieses Thema sehr aufgeschlossen sind. Man muss einfach sehen, dass die Materialkosten den größten Anteil an den Produktionskosten im Spritzguss haben. Durchschnittlich 60 Prozent der Kosten entfallen auf das Material. Da wiederverwerteter Kunststoff, auch wenn er sehr aufwändig rezykliert wurde und damit auch teurer ist als weniger aufwändig rezyklierter, immer noch günstiger ist als frischer Kunststoff, ist ihr Einsatz aus wirtschaftlichen Gründen durchaus sinnvoll. Um die Produktionssicherheit zu gewährleisten muss eine gleichbleibende Qualität des Rezyklats gewährleistet sein und die Bauteileigenschaften dürfen aufgrund der Zugabe von Rezyklat nicht vermindert beziehungsweise beeinflusst werden.

Spielen Bio-Kunststoffe auch schon eine Rolle im Spritzguss?

Tinschert: Durchaus. Man kann sowohl die bio-basierten, als auch die biologisch abbaubaren Kunststoffe spritzgießen. Die Bio-Kunststoffe können technisch schon so aufbereitet werden, dass sie einem Standard-Kunststoff auf Ölbasis sehr nahekommen. Dass sie heute erst wenig eingesetzt werden, hat sicherlich auch mit ihrem vergleichsweise hohen Preis zu tun. Wir sehen, dass Bio-Kunststoffe häufig dort zum Einsatz kommen, wo ein ökologisches Bewusstsein vorhanden ist. Bei Kinderspielzeug, zum Beispiel. Viele Eltern verbinden mit dem Kauf von Spielzeug aus Bio-Kunststoffen ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Auch im Verpackungsbereich ist dieses Material im Kommen. Das hilft, neben dem Ökoeffekt auch das Image von Kunststoffen beim Verbraucher zu verbessern. Man muss bei manchen Bio-Verpackungen zwar manchmal akzeptieren, dass etwa eine Folie nicht völlig durchsichtig ist oder sich ganz glatt anfühlt. Aber das Wissen um einen Bio-Kunststoff verbessert einfach das Image von Kunststoff insgesamt beim Verbraucher.

Könnte auch die neue EU-Roadmap zur Kreislaufwirtschaft zu einem Imagegewinn führen?

Tinschert: Die Roadmap ist sicher ein wichtiger Beitrag zur Imageverbesserung. Große Änderungen, die das Gebrauchs- oder Verbrauchsverhalten von Menschen betreffen, müssen häufig durch gesetzliche Vorgaben initiiert werden. Wenn die Politik die Kreislaufwirtschaft als wichtiges strategisches Ziel für die Zukunft setzt, müssen entsprechende Regularien etabliert werden, um die Umsetzung sicher zu stellen. Wir haben das gut am Beispiel der Glühbirnen gesehen, die durch Energiesparleuchten ersetzt wurden. Freiwillig hätte das kaum jemand, oder nur sehr langsam, gemacht.  Wenn man so etwas durchsetzen will, muss man Vorschriften machen. Nur an das Gute im Menschen zu glauben, führt nicht zum Erfolg. Regularien, die für einen großen Wirtschaftsraum gelten, haben auch den Vorteil, dass sie alle treffen, also wettbewerbsneutral sind. Da kann nicht in einem Land günstiger produziert werden, nur weil gewisse Vorschriften nicht beachtet werden müssen.

www.wittmann-group.com; plastics.vdma.org