Kunststofftragetaschen

Eine Lanze für die Tüte

Jubel ist angesagt. Wir Deutschen verbrauchen nur noch durchschnittlich 24 Plastiktüten pro Jahr und Nase, ungeachtet von Foliendicke und Nasengröße. Damit ist der Kunststofftragetaschenkonsum seit 2015 mehr als halbiert worden – freiwillig. Wir erinnern uns: Damals nutzte jeder Deutsche 70 Plastiktüten pro Jahr, während der EU-Durchschnitt bei fast dem Dreifachen lag und weiter liegt.

Der aktuelle Vorstoß von Umweltministerin Svenja Schulze, den freiwillig erreichten Erfolg mit einem Gesetz zu zementieren, ist angesichts der Zahlen politisch eventuell folgerichtig, für den deutschen Markt eher überflüssig und für die Umwelt vermutlich katastrophal.

Denn bei allem Jubel gibt es ein Aber, und kein kleines. Vor der sich überschlagenden Entwicklung um Hemdchenbeutel, Tüten aus dickem oder dünnerem oder Bio-Material, aus Stoff, Papier und diesen unsäglichen und untragbaren Kartons, die man an der Supermarktkasse kaufen und dann ein halbes Dutzend Mal wiederverwenden soll, um bloß deren Umweltfreundlichkeit zu untermauern, hatte ich den Schrank voller Tüten. So wie wahrscheinlich jeder, der halbwegs sinnvoll einen Haushalt führt. Nicht umsonst lautete die Antwort auf die scherzhaft gemeinte Frage, wo denn die Mehrzahl der Plastiktüten in bundesdeutschen Haushalten zu finden sei, „Im Spülenunterschrank“.

Tüten, die jeweils mindestens ein halbes Dutzend Mal für alle möglichen Zwecke verwendet wurden, vom Brot- über den Schuhbeutel für den Urlaub bis zur Kastaniensammeltasche im Herbst. Manche sind noch immer im Einsatz, obwohl sie bald an die 20 Jahre auf dem Buckel haben und der einstige Aufdruck kaum noch zu entziffern ist. Irgendwann bekamen sie dann Löcher, taugten aber immer noch als Abfalltüte im Mülleimer. Will mir also jemand tatsächlich erklären, mehr Wiederverwendung und Recycling sei möglich? Und die Kosten? Die verschwanden querfinanziert in der Sammelrechnung von Kaufhäusern und Läden irgendwo zwischen Werbemittel und Kundenservice. Ebenso gut könnte man millionenfach unters Volk gebrachte Kugelschreiber verbieten, deren Mine nach dreimal Gebrauch den Dienst versagt.

Inzwischen müssen Millionen Bürger in- und außerhalb unserer Republik Tüten absichtlich kaufen, nur um ihre Abfalleimer bestücken zu können. Bei Restmüll- und Leichtverpackungstonne sind das wohl an die hundert im Jahr. Hat sich eigentlich jemand die Mühe gemacht, diese Zahl zu dem ach so gesunkenen durchschnittlichen Tütenverbrauch hinzuzurechnen?

Man kann die Plastiktüte nach einmal Gebrauch wegwerfen, ja. Man kann durchaus, muss – und wird – aber eher nicht. Bei einer Papiertüte hingegen bleibt einem kaum etwas anderes übrig. Jeder, der ernsthaft das Gegenteil zu behaupten wagt, dem fehlen schlicht ein paar Nadeln an der Tanne. Die Haltbarkeit der heißen Konkurrentin aus braunem Papier ist bei ein paar Regentropfen oder auch nur bei feuchtem Inhalt, wie er an Gemüsetheken durchaus häufiger vorkommt, kaum in Minuten zu messen und reicht allenfalls bis zur Autotür. Dabei ist deren Produktion angesichts des Verbrauchs von Energie, Wasser, Chemie und Holz sowie Klebstoffen nach Bauchgefühl kaum weniger schädlich für die Umwelt. Die Zahl der Studien, die das eine oder das andere zu be- oder widerlegen suchen, ist Legion, ein eventueller, halbwegs objektiver Durchblick ohnehin längst abhandengekommen. Hier versagt der Bund als Informant für eine sinnvolle öffentliche Wahrnehmung.

Dass Plastiktüten überall gefunden werden, auch dort, wo sie nicht hingehören, sogar in zehn Kilometern Meerestiefe, kann als Nachteil oder gar verurteilenswert gesehen werden, muss aber nicht unbedingt – von der notwendigen Verfolgung eines etwaigen Verursachers einmal abgesehen. Es kann vielmehr als unerreichbarer Vorteil gegenüber Papiertüte, Karton und auch Baumwolltasche betrachtet werden. Denn so ist es möglich sie einzusammeln, auch nach Jahren noch, was man von den anderen Protagonisten kaum behaupten kann. Einsammeln und einer Verwertung zuführen, selbst wenn diese in manchen Fällen Verbrennung zur Energiegewinnung heißt. Einer matschigen Papiertüte bleibt das prinzipiell versagt.

Und wer die Augen verschließt vor den Folgen einer biologisch abbaubaren Plastiktüte, weil er plakativ den Mageninhalt verhungerter Kamele oder verendeter Delphine vorgehalten bekommt, der sollte sich die Frage stellen: Wie viele Additive, Farben und ähnliche Mineralien und Zusatzstoffe werden unsichtbar und völlig ungehemmt freigesetzt, sobald das Matrixmaterial sie nicht mehr zusammenhält? Will man also partout per Gesetz abschrecken, dann ist die Plastiktüte an sich das falsche Ziel und im Antitütenland Deutschland allemal.

Sven Arnold

Gepostet am 09.09.2019 um 16:35.
Sven Arnold
Sven Arnold (Redakteur KI)
berichtet exklusiv für K-AKTUELL.

2 Gedanken zu „Eine Lanze für die Tüte

  1. AvatarJürgen Beham

    Ein großes Kompliment an den Autor! Dieser Kommentar hat es verdient, durch LinkedIn einer großen Leserschar zugägnlich gemacht zu werden. Herr Arnold spricht an, was im derzeitigen Öko-Wahn schief läuft. Man könnte diesen Kommentar auf unzählige andere Bereiche übertragen! Wie kann sich ein großer deutscher Einzelhändler damit brüsten, auf die Folienverpackung der Gurke zu verzichten, was aber eine aufwändigere Vorbehandlung bzw. Transport der Gurken nach sich zieht…
    Das schlimme daran ist, das die vermeintlichen Verbesserungen auf den zweiten Blick eine tatsächliche Verschlimmbesserung bedeuten. Damit ist dann weder der Umwelt, der Natur, noch dem Klima und letztendlich den Menschen geholfen!

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  2. AvatarKlaus Immenkamp

    Der Autor hat Recht. Ich stelle mir immer vor, wenn ich Obst oder Gemüse kaufe, ohne Verpackung.
    Diese muss ich auf die dreckigen, mit Bakterien verseuchten Förderbänder legen.
    Vorher packt jeder das Obst an. Ob derjenige immer saubere Finger hat ist fraglich oder sogar erkältet ist.
    Ist das Umweltschutz ?
    Zu Papiertüten sage ich nein. Umweltschädlich in der Herstellung.
    Außer bei der Brotverpackung. Aber zu Hause kommt das Brot eh’ in eine Plastiktüte mit ein paar Löchern. So bleibt zumindest das Brot frischer als in Papiertüten, die nicht umweltfreundlich sind.

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